Gelebte Inklusion in der Lüfterfertigung

SIEGENIA und AWORK intensivieren ihre Kooperation

Raphael Weber, Werkleiter AERO bei SIEGENIA, ist mit dem Verlauf der ersten Wochen rundum zufrieden. „Die AWORK-Mitarbeitenden haben sich gut in ihre neuen Aufgaben hineingefunden; man merkt das deutlich an den täglich steigenden Stückzahlen. Sie kommen erkennbar gerne zu uns, haben viel Freude bei der Arbeit und haben sich gut eingelebt.“

Seit Mitte Januar kommen die vorerst vier Beschäftigten von AWORK täglich in das Werk im Wilnsdorfer Industriegebiet Lehnscheid, seit vielen Jahren Produktionsstandort für die Wand- und Fassadenlüfter von SIEGENIA. Als Organisationseinheit der AWO Siegener Werkstätten, die zum AWO Kreisverband Siegen-Wittgenstein/Olpe gehören, fasst AWORK die Angebote der beruflichen Rehabilitation von Menschen mit Behinderung außerhalb der Siegener Werkstätten zusammen. „Unser Ziel ist es, Menschen mit Behinderung so zu fördern, dass eine Teilhabe am allgemeinen Arbeitsmarkt möglich wird. Um die hierzu erforderlichen Prozesse noch besser steuern zu können, haben wir vor zwei Jahren die neue Organisationseinheit AWORK ins Leben gerufen und konnten seitdem viele Menschen mit Handicap an Siegerländer Unternehmen vermitteln“, so Michael Dietermann, Betriebsleitung Pädagogik/Rehabilitation.


AWORK kümmert sich um betriebsintegrierte Arbeits- und Praktikumsplätze sowie die Betreuung und Begleitung beim Wechsel in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. „Wir freuen uns natürlich besonders, wenn ein Unternehmen einen unserer Beschäftigten in ein festes Arbeitsverhältnis übernimmt. Das geschieht in der Regel zunächst über ein Betriebspraktikum und danach über einen Außenarbeitsplatz mit Betreuung durch unser Fachpersonal“, so Michael Dietermann weiter. „In der Regel loben die Unternehmen immer wieder die hohe Arbeitsmotivation unserer Beschäftigten, auch die Leistungsfähigkeit und die hohe Lernbereitschaft kommen sehr gut an. Menschen mit Handicap bereichern die Unternehmenskultur – das hören wir immer wieder“, ergänzt Tim Sprengel, Betriebsleitung Betriebswirtschaft/Technik bei AWORK, überzeugt. „Die hohe Motivation und die gute Laune, die diese Menschen in unsere Partnerunternehmen hineintragen, sind ein positiver Nebeneffekt, den Anerkennung und Wertschätzung zusätzlich verstärken.“


Ergonomische Arbeitsplätze geschaffen

Michael Heppner, AWORK-Betreuer vor Ort bei SIEGENIA, kann das nur bestätigen. Er ist ebenfalls täglich in Wilnsdorf und sorgt für effiziente Abläufe und eine gute Kommunikation. Derzeit haben die AWORK-Beschäftigten einen eigenen Arbeitsbereich in der Produktion. Raphael Weber von SIEGENIA erläutert die Hintergründe: „Ein eigenständiger Arbeitsplatz bot sich insofern an, als wir mit Blick auf unsere Qualitätskontrollen kurz zuvor die geräuschintensiveren Tätigkeiten unserer Lüfterfertigung in andere Räumlichkeiten verlagert hatten. Die entstandene Freifläche schaffte ideale Rahmenbedingungen für die Integration der AWORK-Mitarbeiter. Die Arbeitsplätze selbst haben wir genauso wie für unsere eigenen Mitarbeitenden eingerichtet. Wir legen großen Wert auf Ergonomie, z. B. in Form von Höhenverstellung, so dass wir hier keine speziellen Maßnahmen ergreifen mussten.“ Tim Sprengel von der AWO fügt hinzu: „Ein eigener Arbeitsbereich für unsere Beschäftigten ist keineswegs ein Muss. Allgemein streben wir an, die Beeinträchtigten so normal wie möglich in die Abläufe des Unternehmens zu integrieren. Auf diese Weise können sie die Fachkräfte stärker entlasten.“

Seit rund 50 Jahren unterstützt SIEGENIA die Inklusion beeinträchtigter Menschen in die Arbeitswelt. Die in Auftrag gegebenen Arbeiten wurden bislang stets in den Werkstätten der AWO ausgeführt. Anlässlich einer Führung in einem Unternehmen mit Außenarbeitsplätzen kam Raphael Weber schließlich auf die Idee, einen ähnlichen Weg einzuschlagen und die Zusammenarbeit zu intensivieren. „Es gibt Tätigkeiten, bei denen uns die Beschäftigten der AWO hervorragend unterstützen können – allerdings würde deren Auslagerung einen hohen logistischen Aufwand mit sich bringen. Eine Eingliederung im Werk ist deutlich effizienter,“ erläutert er. Von dem Potenzial einer möglichen Zusammenarbeit angetan, initiierte er die ersten Gespräche mit AWORK; die Umsetzung folgte prompt. „Ich war gerade eine Woche bei AWORK tätig und folglich noch ganz frisch im Job, als Raphael Weber anrief. Gemeinsam haben wir uns dieser Aufgabe gewidmet und das Projekt erfolgreich vorangetrieben“, erinnert sich Tim Sprengel an die gute Zusammenarbeit.


Vielversprechende Zuwächse in der Testphase

Externe Stellen wie bei SIEGENIA werden von AWORK zunächst intern ausgeschrieben. Auch die Auswahl der Bewerber nimmt das Unternehmen selbst vor. Erst dann kommt der eigentliche Auftraggeber ins Spiel. „Wir haben AWORK zunächst Bauteile zukommen lassen, von denen die Erfahrungen der Vergangenheit gezeigt haben, dass sie gut von beeinträchtigten Menschen übernommen werden können“, blickt Raphael Weber zurück. Diese Vorgehensweise empfiehlt sich auch aus Sicht von AWORK. „Für uns ist das ein hervorragender Trainingseffekt. Wir können unsere Beschäftigten anlernen und herausfinden, welche Hilfsmittel sie eventuell benötigen“, schildert Tim Sprengel. Raphael Weber verfolgte die in den AWO-Werkstätten produzierten Stückzahlen mit Spannung: „Von Tag zu Tag war ein kleiner Zuwachs zu verzeichnen. Bei einem Besuch vor Ort wurde zudem deutlich, dass die AWORK-Mitarbeiter erkennbar Spaß an ihrer Arbeit hatten. Das Ganze machte einen tollen Eindruck!“

Vielversprechend verlief auch der Einstieg bei SIEGENIA. Mit dem Bus fahren die AWORK-Beschäftigten eigenständig nach Wilnsdorf; derzeit sind es eine Frau und drei Männer. Eine fünfte Kraft soll das Team schon bald verstärken; die Stelle ist derzeit bei AWORK in Ausschreibung. Aufgabe der AWORK-Beschäftigten, die über unterschiedliche Grade der Beeinträchtigung verfügen, ist aktuell die Fertigung der Unterbaugruppen für den Wandlüfter AEROPAC, ein kompakter Schalldämmlüfter für lärmbelastete Umgebungen z. B. in Flughafennähe.


Auch die Komplettmontage denkbar

„Wenn sich die Abläufe erst einmal eingespielt haben, ist für uns denkbar, dass die AWORK-Kräfte im nächsten Schritt die Komplettmontage übernehmen“, schildert Raphael Weber mögliche Perspektiven. Tim Sprengel zeigt sich diesbezüglich optimistisch: „Schon jetzt sitzen die Arbeitsabläufe sehr gut. Unsere Erfahrung mit beeinträchtigten Menschen ist, dass die Lernkurve langsam, aber beständig nach oben geht. Hat sich das Gelernte einmal gefestigt, halten sie ihre Stückzahlen konstant – egal, was kommt.“

Auch die Ausstattung der Arbeitsplätze geht SIEGENIA schrittweise an. Alles soll sich organisch entwickeln dürfen. Raphael Weber berichtet: „Wir haben beispielsweise fürs Erste bewusst auf eine digitalisierte Materialbeschaffung verzichtet und wollen zunächst beobachten, ob ein Einsatz sinnvoll ist.“

Als ausgebildete pädagogische Fachkraft spielt Michael Heppner in der Einarbeitungsphase eine wichtige Rolle. Geplant ist, dass er in den ersten Monaten täglich vor Ort bei SIEGENIA sein wird, später sollen sich die zeitlichen Abstände vergrößern. „Die Kommunikation muss stimmen. Dabei hilft es, wenn der Betreuer über ein möglichst umfangreiches Wissen zu den spezifischen Arbeitsabläufen im jeweiligen Unternehmen verfügt. Je fitter er selbst in der Produktion ist, desto besser gelingt die Verständigung mit den Betrieben. Darauf achten wir sehr“, schildert Tim Sprengel.


Win-Win-Situationen schaffen

Sind die AWORK-Mitarbeiter mit ihrer Tätigkeit und dem neuen Arbeitsumfeld erst einmal vertraut, können und sollen sie auch in anderen Bereichen der Lüfterproduktion bei SIEGENIA eingesetzt werden. Michael Dietermann erläutert: „Eine solche Erweiterung der Aufgabenfelder und Arbeitsbereiche ist zu begrüßen und wird letztlich das Besondere einer solchen Zusammenarbeit. Durch die Übernahme von Nischenarbeiten können unsere Beschäftigten das Fachpersonal in den Unternehmen spürbar entlasten und eine Konzentration auf Kernkompetenzen ermöglichen. Wirtschaftlich ist das für die Unternehmen sehr interessant.“ Das sieht auch Raphael Weber so: „Gerade das Objektgeschäft, in dem wir mit unseren Lüftern stark vertreten sind, zeichnet sich durch oftmals kurzfristige Aufträge aus, auf die wir schnell reagieren müssen.“


Eine ausbaufähige Partnerschaft

Partnerfirmen, die ihren neuen Beschäftigten eine Vollzeit-Tätigkeit anbieten, begrüßt AWORK: „Dahinter steht der rehabilitative Gedanke. Uns liegt daran, dass sich beeinträchtigte Menschen für berufliche Tätigkeiten weiterentwickeln und in den Arbeitsmarkt integrieren können“, argumentiert Michael Dietermann. Tim Sprengel fügt hinzu: „Das Modell, für das sich SIEGENIA derzeit entschieden hat, ist der Schritt vor der festen Übernahme von AWORK-Mitarbeitern. Wir weisen in diesem Zusammenhang gerne darauf hin, dass eine volle Eingliederung für unsere Partnerfirmen aufgrund von staatlichen Lohnkostenzuschüssen auch finanziell attraktiv sein kann.“ Ob dies bei SIEGENIA der Fall sein wird, steht derzeit noch nicht fest, doch Raphael Weber bekräftigt: „Die Inklusionsmaßnahme in unserer Fertigung ist auf Dauer angelegt und aus unserer Sicht ausbaufähig. So können wir uns beispielsweise schon jetzt gut vorstellen, dass nach erfolgreicher Einarbeitung weitere AWORK-Mitarbeitende folgen.“

 

 

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